Wolfgang Brühl

2021
10 Min.
Sören Engels, Irene Schulz, Britta Zwigart


Heim für „Mütter in schwierigen Lebenslagen“, heute Beatles-Museum, Alter Markt 12, 06108 Halle


Eine fünfseitige Krankenakte – das Leben des Wolfgang Brühl

Als John Lennon und Ringo Starr im Jahr 1940 geboren werden, ist Wolfgang Brühl 13 Jahre alt und lebt in dem Haus, das heute das Beatles-Museum ist – am Alten Markt 12, damals ein Heim für „Mütter in schwierigen Lebenslagen“. Schon im Kindesalter sortieren die Nationalsozialisten nach „wertem“ und „unwertem“ Leben. Wolfgang steht für sie mit seinen Lernschwierigkeiten und anfallartigen Zuständen für sie auf der „unwerten“ Seite. Was von ihm bleibt, ist eine fünfseitige Krankenakte. Unruhig sei Wolfgang gewesen, ängstlich und empfindlich, so zwei Anstaltsärzte. Eine menschenverachtende Rechtfertigung der Nationalsozialisten, Wolfgang im Jahr 1941 im Todeslager Bernburg zu ermorden.

Die Heil- und Pflegeanstalt Altscherbitz, in die Wolfgang Brühl im April 1941 verlegt wird. Es ist seine letzte Station vor der Tötungsanstalt Bernburg. Quelle: Screenshot aus dem Film.

1939 – Gesetz zu „Euthanasie“ erlaubt systematisches Morden

In der Schule hat Wolfgang Schwierigkeiten und kann die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, nicht erfüllen. Er wechselt schließlich von der Neumarktschule an die Talamtschule. An einem Tag im Jahr 1935 verschwindet er dort – er sei dem Gesundheitsamt überstellt worden, schließlich wird er in ein Erziehungsheim in Nordhausen eingewiesen. Seiner Mutter gelingt es nicht, ihn zurückzuholen. Wenige Monate später wird Wolfgang in den Lindenhof der Neinstedter Anstalten verlegt. Der Neinstedter Anstaltsarzt stellt eine vage Diagnose und prognostiziert, dass eine „erhebliche Besserung als ausgeschlossen“ gelte. 1939 folgt ein Gesetz, wonach „unheilbar Kranken der Gnadentot gewährt werden kann“ – der systematischen Ermordung, euphemistisch als „Euthanasie“ bezeichnet, steht nichts mehr im Weg.

„Mama, hole mich hier raus!“

Wolfgang Brühl in der Heil- und Pflegeanstalt Altscherbitz

Todesursache: Gaskammer statt Diphtherie

Im April 1941 wird Wolfgang in die Heil- und Pflegeanstalt Altscherbitz verlegt. Diese dient den Nationalsozialisten als Zwischenstation auf dem Weg in die Todeslager. Wolfgang wird schließlich in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht – „abgeholt“, so der letzte Eintrag in seiner Krankenakte. Diphterie, so die angebliche Todesursache, die seiner Familie mitgeteilt wird. In Wirklichkeit wurde Wolfgang in einer Gaskammer ermordet, noch am Tag der Ankunft in Bernburg. Insgesamt töteten die Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4“ 70.000 Menschen, die nicht ihren gesundheitlichen Vorstellungen entsprachen.

Mehr über Wolfgang Brühl

Die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt hat im Jahr 2023 ein Werk über die Tötungsanstalt Bernburg veröffentlicht:
Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Die Vernichtung der „Unbrauchbaren“: NS-Gesundheits- und Rassenpolitik am Beispiel der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg. Berlin 2023.

In dem Haus, in dem Wolfgang Brühl die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat, befindet sich heute das Beatles-Museum Halle. Die damalige Tötungsanstalt Bernburg ist heute eine Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“.