Gudrun Goeseke gegen das Vergessen

2015
15 Min.
Marie-Kristin Kirschning, Luise Kotulla


Schicksalshafter Zufallsfund

Im Keller des jüdischen Gemeindehauses in Halle findet Gudrun Goeseke in den 1970er-Jahren Deportationslisten der Hallenser Jüd:innen. Die Aufarbeitung der Schicksale dieser Menschen wird für die Bibliothekarin zum Lebenswerk. Viele der Stolpersteine in Halle hätten ohne ihre akribische Arbeit nicht verlegt werden können. 2008 starb Gudrun Goeseke im Alter von 82 Jahren in Halle. Seit 2016 trägt eine Straße am Steintor ihren Namen.

Straßenschild mit Zusatzschild aus der Reihe „Geschichte im Vorbeigehen“ des Zeitgeschichte(n) e.V.

Ein Leben für die Erinnerung

Gudrun Goeseke war studierte Orientalistin. Da sie nicht promovieren konnte, war sie zunächst als Lehrbeaftragte tätig, bevor sie 1961 die Leitung der Bibliothek der Morgenländischen Gesellschaft in Halle übernahm. Als sie 1978 das Archiv der jüdischen Gemeinde von Halle fand, setzte sie sich, gegen den Willen der damaligen Gemeindevorsteherin Karin Mylius für die Sicherung und Auswertung der Unterlagen ein. Später konnte Gudrun Goeseke durch die Auswertung der Unterlagen nachweisen, dass Karin Mylius ihre jüdische Identität lediglich vorgetäuscht hatte.

„Die Vorsitzende Frau Mylius, die regte sich auf, dass ich mit Sauber machen soll. Typisch Bibliothekarin, sagte sie, sie muss immer lesen. Und da hab ich gesagt das muss alles mal geordnet werden. Aber sie war der Meinung, das hat doch alles keinen Sinn, die sind ja alle tot und wir haben anderes zu tun. Ich hab mich aber dann bereit erklärt, dass ich das alles machen werde und hab meinen Urlaub gleich dafür verwendet mich hinzusetzen und zu ordnen.“

Gudrun Goeseke, in Aufnahmen von ATV-Studio Halle

Engagiert gegen das Vergessen

Gudrun Goeseke ordnete nicht nur in ihrer Freizeit das gefundene Archiv der jüdischen Gemeinden, sie setzte sich auch darüber hinaus für die Stadtgesellschft ein. So war sie Mitglied des ersten Stadtrates von Halle nach der Wende. Darüberhinaus organisierte sie ehrenamtliche Arbeiteinsätze mit Aktion Sühnezeichen auf dem jüdischen Friedhof und war Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzende des Zeit-Geschichte(n) Halle e.V.

Ihr Engagement und ihre Arbeit bieten die Grundlage für die Verlegung der Stolpersteine in Halle.

Mehr über Gudrun Goeseke

  • 2007 wurde Gudrun Goeseke der Emil-Fackenheim-Preis der jüdischen Gemeinde Halle verliehen. Die Laudatio hielt Heidi Bohley.
  • Ein Artikel in der Jüdischen Allgemeinen würdigte Gudrun Goeseke anlässlich der Verleihung.
  • 1978 fand Gudrun Goeseke im Keller des jüdischen Gemeindehauses in der Großen Märkerstraße Teile des Archivs der jüdischen Gemeinde, darunter die Deportationslisten. Seit 2016 gibt es in Halle eine Straße, die an Gudrun Goeseke erinnert.