Gestohlenes Gedenken

Stolpersteine in Zeitz

2025 | 17 Min.
von Babett Gumbrecht, Felix Jakobs, Clemens Kral, Erik Peuker und Nicole Scheermann


Ungewöhnlich stark besucht ist am Vormittag des 28. November 2024 die Zeitzer Kramerstraße. Dort nehmen Pressevertreter, Politiker sowie Besucher aus nah und fern an der Verlegung neuer Stolpersteine teil. Der Grund: Alle zehn bisherigen Steine der Stadt wurden in der Nacht auf den 7. Oktober gestohlen. Jenes Datum, an dem ein Jahr zuvor Israel von der Terrororganisation Hamas attackiert wurde. Der Angriff gilt als größter Massenmord an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust – der Diebstahl der Steine in Zeitz damit sehr wahrscheinlich als politisches Zeichen.

Herausgerissen und wieder verlegt: Am 28. November 2024 finden zehn neue Stolpersteine in Zeitz zurück an ihren Platz.
Foto: Screenshot aus dem Film

Dagegen wollen viele Zeitzerinnen und Zeitzer ebenfalls ein Zeichen setzen – und rufen eine Spendenaktion ins Leben. Ganze 50.000 Euro, und damit ein Vielfaches mehr als erwartet und benötigt, kommen für neue Gedenkplatten aus Messing zusammen. Zeitgleich ergreift ein Geschichtslehrer die Initiative und gestaltet mit 17 Schülerinnen und Schülern Stolpersteine aus dem 3D-Drucker. Nach dem Diebstahl füllen diese für mehrere Wochen die Lücken im Boden. Als die neuen Steine verlegt werden, kommen sie ins Zeitgeschichtliche Forum Leipzig – und werden damit binnen kurzer Zeit ein Teil deutscher Geschichte.

Von Zeitz ins Museum nach Leipzig: Dr. Uta Bretschneider, Direktorin des Zeitgeschichtlichen Forums, mit den provisorischen Steinen der Schülerinnen und Schüler.
Foto: Clemens Kral

Die Täter haben durch ihre Aktion genau das Gegenteil erreicht: Anstatt das Gedenken an Holocaust-Opfer zu vergessen, haben sehr viele Menschen in Deutschland darüber geredet. Außerdem kommen die Steine jetzt ins Museum. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Florian
Schüler der 12. Klasse am Geschwister-Scholl-Gymnasium Zeitz

Offen bleibt, wer die Steine gestohlen hat. Die Täter konnten bislang nicht ermittelt werden. Noch dazu erschüttert eine weitere Tat die Stadtgesellschaft, ebenfalls an einem historisch denkwürdigen Datum: Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, werden acht der zehn Steine durch Feuer verfärbt und später teilweise mit Aufklebern der Kleinstpartei „Der III. Weg“ überklebt. Erneut sind etliche Menschen überrascht und fassungslos. Doch sie lassen sich nicht entmutigen.

Neu und schon beschädigt: Nur zwei Monate nach der Verlegung verfärben unbekannte Täter die Steine durch Feuer.
Foto: Screenshot aus dem Film

Der Film „Gestohlenes Gedenken – Stolpersteine in Zeitz“ zeigt, wie Menschen in der Stadt mit den unverzeihlichen Taten umgehen. Wo sich Unverständnis regt, erwächst zugleich Hoffnung. Jeder neu verlegte Stein steht für Zivilcourage, Engagement und Haltung – gegen Antisemitismus. Zehn Steine, zehn Geschichten – zehn Menschen.

Mehr über die Stolpersteine in Zeitz

  • Bereits in den Jahren 2013 und 2014 wurden insgesamt vier Stolpersteine in Zeitz gestohlen.
  • Einem Bericht des MDR zufolge wurden 2024 in Sachsen-Anhalt 18 Stolpersteine beschädigt oder gestohlen – allein 10 davon in Zeitz.
  • Seit Anfang März 2025 ist einer der provisorischen Steine in der Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig zu sehen. Alle weiteren dieser von Schülerinnen und Schülern hergestellten Stolpersteine werden dort im Jahr 2027 in einer Dauerausstellung zum Thema Nationalsozialismus präsentiert.