Psychiatrie im Nationalsozialismus
2015
9 Min.
Carolin Schneider, Kristin Zimmermann
Körnerstraße 26, Halle an der Saale
Frieda Göhre wird 1903 in Halle geboren. Seit ihrer Kindheit plagen das zierliche Mädchen schwere Krankheiten wie Masern, Scharlach und Keuchhusten. Als fleißige Schülerin beginnt sie später eine Ausbildung als Damenschneiderin. Im Jahr 1931 heiratet sie dann den Schlosser Otto Göhre. Das Paar bekommt ein Kind, doch im September 1934 ändert sich ihr Leben schlagartig, als Frieda Göhre sich plötzlich unwohl fühlt. Sie scheint verwirrt, murmelt vor sich hin und starrt ins Leere. Innerhalb weniger Tage erkennt sie Menschen aus ihrer Umgebung nicht mehr und hört Stimmen.
Frieda wird daraufhin in die Universitätsnervenklinik von Halle eingewiesen, wo bei ihr eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert wird. Psychiatrien zielen während des Nationalsozialismus nicht darauf ab, die Wahrheit über die Erkrankungen herauszufinden, sondern wenden oft brutale Behandlungsmethoden wie Elektroschocktherapie an. Zur Unterdrückung wird außerdem die sogenannte Arbeitstherapie genutzt.

So wird Frieda Göhre im Mai 1935 in einer Landesheilanstalt nahe Schkeuditz zur Strickarbeit gezwungen und mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Trotz medikamentöser Behandlung zeigt sie zunehmend Verunsicherung und Ablehnung gegenüber den Ärzten und den fragwürdigen Methoden.
„Sehr gespannt und gereizt. Beim Baden erheblich erregt, lies sich das Hemd nicht anziehen. Nahm Mittags keine Nahrung zu sich.“
Auszug aus Frieda Göhres Krankenakte
Frieda Göhres soziale Beziehungen litten mit jedem Tag den sie in der Anstalt eingesperrt war. So ließ sich ihr Mann im Jahr 1936 scheiden, gegen ihren Willen. Ein Arzt aus der Landesheilanstalt unterstützt das Vorhaben von Otto Göhre mit einem ärztlichen Gutachten.
Am 6. Dezember 1940 wird die 37-Jährige Frieda Göhre in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg gebracht. Noch am selben Tag wird sie dort von den Nationalsozialisten ermordet.
Mehr über Frieda Göhre
Frieda Göhre wird auf der Webseite des „Gedenkortes T4“ erwähnt. Die Seite nimmt Bezug auf die „Aktion T4“. Diese war ein schrecklicher Massenmord während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen wurden zwischen 1940 und 1941 getötet. Die Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (T4) leitete diese grausamen Ermordungen im Rahmen der Krankenmorde während des Nationalsozialismus.
