2019
19 Min.
Lisa Ossowski, Daniela Schulze, Alisa Sonntag
LaFontaine-Straße 10, Halle an der Saale
Richard Hesse wurde 1896 in Bleicherode geboren. Mit Unterstützung seiner Eltern erhielt er nach der Schule die Möglichkeit, Jura zu studieren, wodurch er eine solide Ausbildung genoss. Nach dem Ersten Weltkrieg schloss er sein Studium erfolgreich ab und eröffnete 1926 eine Anwaltskanzlei in Halle an der Saale.
Obwohl er Mitglied der Synagogengemeinde in Halle war, heiratete er 1930 eine Katholikin namens Elisabeth Kubenka. Diese ungewöhnliche Verbindung spiegelt wider, dass Hesse über den Konventionen seiner Zeit hinausdachte. Die Ehe mit Elisabeth sollte zu einem wichtigen Ankerpunkt in seinem Leben werden, besonders in den kommenden Jahren der Verfolgung.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, änderte sich das Leben von Richard Hesse dramatisch. Bereits 1933 wurde ihm die Arbeitserlaubnis entzogen, was der Beginn einer langen Odyssee durch die Verfolgung und Diskriminierung jüdischer Bürger war. Trotz der Möglichkeit einer Scheidung, die zumindest Elisabeth vor weiteren Repressalien hätte retten können, blieb sie treu an seiner Seite und begleitete ihn sogar in das sogenannte „Judenhaus“, als sie ihre Wohnung verlassen mussten.
„Stärker als je fühle ich mich mit dir verbunden und habe zutiefst zu danken für deine Liebe und Treue, die sich in den leidvollen Jahren seit 1933 so unwandelbar und wunderbar gezeigt haben.“
Richard Hesse in einem Brief an seine Frau
Im Februar 1945 sollte Richard Hesse als einer der letzten hallischen Juden nach Theresienstadt deportiert werden. Nach nur drei Monaten wurde er wieder freigelassen, doch die Jahre der Verfolgung und Haft hinterließen tiefe Spuren bei dem Anwalt. Er lebte fortan ein zurückgezogenes Leben und misstraute sogar der neuen jüdischen Gemeinde. Die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen blieb unauslöschlich, auch in den letzten Jahren seines Lebens.
Nach dem Tod seiner Frau Elisabeth, die ihm während seiner Haftjahre eine treue Stütze war, beging Richard Hesse Selbstmord. Sein Tod markierte das tragische Ende eines Lebens, das von Mut, Liebe und Hoffnung, aber auch von Unrecht und Leid gezeichnet war. Heute erinnert ein Stolperstein an sein Schicksal und seinen Kampf um Freiheit in der Lafontainestraße 10 in Halle an der Saale.
Mehr über Richard Hesse
Im Jahr 2014 wurde das Buch „Verhängnisvoll verstrickt“ von den Autoren Uta Franke, Heidi Bohley und Falco Werkentin veröffentlicht. Dieses Werk widmet sich den verstrickten Schicksalen von Richard Hesse und Leo Hirsch.
Außerdem gelang es Siegfried Brandt, dem Biografen von Richard Hesse, eine Rehabilitation seines Protagonisten zu bewirken, ganze 2025 Jahre nach dessen Tod. Dies zeigt nicht nur die Hartnäckigkeit des Biografen, sondern auch die Wichtigkeit, historische Ungerechtigkeiten aufzuarbeiten und das Ansehen von jüdischen Menschen wiederherzustellen.
